Seelenschlacht

Den Balance Akt um meine Wahrnehmung habe ich heute zwar nicht zum ersten Mal, aber definitiv noch nie in dieser Intensität verloren.

Ich hatte mich voll Vorfreude der Melancholie ergeben.
Die sonst verschlossenen Tore meines allerinnersten Bewusstseins, wurden durch einen kaum wahrnehmbaren, eisigen Windhauch, aufgestoßen, um in unbekannten Tiefen erkundet zu werden.

Das Rufen, tief in mir, war so intensiv, dass ich mich, ohne nachzudenken, dem Drang ergab…in mir nach dem Rechten zu sehen.

Im dunklen Gewirr der verschlungenen, kaum sichtbaren, Trampelpfade wurde mir bewusst, dass diese Wege in vergangenen Zeiten, wohl bereits einmal begangen worden sein mussten  !

Als ich mir den Möglichkeiten dieses Ausfluges in aller Vehemenz bewusst wurde, konnte ich den Luftzug, dem ich bis hierhin gefolgt war, nicht mehr wahrnehmen und stand plötzlich meinem tieferen, früheren, Ich, völlig hilflos ausgeliefert gegenüber.

Mit seinem selbstverliebten Grinsen, dem völlig irren Blick und den wie von Teer schwarz, klebrig, tropfenden Händen, kam es mir, zu meinem größten Schrecken, doch sehr vertraut vor.

Plötzliche erkannte ich, dass die zäh tropfende, leblos, schlafe Hülle, die er über den Armen liegen hatte die dunkle Seite meiner Seele darstellte, die er aus uns herausgerissen hatte.
Als er außerdem mit sonorer Stimme erklärte, dass dies nur ein kleiner Teil unserer verrotteten Schattenseelenseite sei und die Arbeit erst begonnen habe, ergriff mich panische Angst.

Ich rannte kopflos in die entgegengesetzte Richtung, in der ich den wegweisenden Luftzug erhoffte.

Es lachte nur in meinen Rücken und rief mir hinterher, dass er nun eine unendliche Zeit diese grausame Arbeit alleine verrichten müsse und ich mir mit meiner Flucht keinen Gefallen täte.

Denn sollte er nicht schnell genug vorankommen, würde die dunkle Seite die helle Seite irgendwann kompensieren, was das bedeute, könne ich mir wohl selbst sehr gut vorstellen.

Ich hörte nur noch Wortfetzen als ich völlig unerwartet direkt vor dem Tor stand, durch das ich eingetreten war.

Ich rannte hindurch, warf es hinter mir zu und vergewisserte mich, dass es tatsächlich verschlossen war.

Als ich, Trance trunken, wieder zu mir zurückfand, war ich unsagbar dankbar, mich auf meinem Sofa wiederzufinden.

Es war kurz vor 23.00 Uhr und ich saß alleine im Dunkel.

Erleichtert ging ich ins Bad, um mich entsprechend meinem Abendritual, zu später Stunde noch zu rasieren.

Als ich mich ganz bewusst und übermäßig lange im Spiegle betrachte, sah ich nur das etwas verbrauchter als sonst aussehende Gesicht, das ich im Laufe meines Lebens zwar nicht lieben aber doch akzeptiert gelernt hatte.

Geistig schon im Bett, schnitt ich mich, wie immer dann, wenn die Klinge fast schon zu stumpf ist, um Ihre Dienste sauber tun zu können, hinter dem rechten Ohr.

Langsam und träge quoll aus dem kleinen Ritzer ein einzelner dicker Blutstropfen, der nach einem fast endlos erscheinenden Augenblick ins Becken tropfte.

Als ich, weiter auf meine Rasur konzentriert, versuchte, den Tropfen mit der Hand zu verwischen, um Ihn schneller abfließen lassen zu können, gefror mir zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten das Blut in den Adern.

Der Tropfen verteilte sich zähfließend zwischen Becken und Fingern und das Wasser perlte von der Substanz förmlich ab.

Ich blutete Teer…!

 

Irritiert, verängstigt aber vor allen Dingen im höchsten Masse interessiert versuchte ich den kleinen Cut am Ohr näher zu untersuchen um in mir eine plausible Lösung des gerade erlebten verfestigen zu können, um mich wieder in die vermeintliche Realität zurück zu holen und vor allen Dingen um die bevorstehende Nacht mit Schlaf verbringen zu können.

Was ich fand war allerdings eher …subtil beunruhigend und abstoßend faszinierend.

Der Schnitt hatte sich in dem Moment, als ich, im wahrsten Sinne des Wortes, versuchte, Ihn unter die Lupe zu nehmen, wie von selbst geschlossen und was davon nur noch fühlbar, weil mit bloßem Auge nicht erkennbar übrig geblieben war, entsprach einer leichten Erhöhung, etwa in der Größe eines kleinere

Dieses kleine Etwas erfühlte ich unmittelbar unter der Haut, genau da wo vorher die Miniatur-Wunde durch die stumpfe Rasierklinge entstanden war und die Teerähnliche Substanz freigesetzt hatte.

Um die Gesamtsituation besser beurteilen zu können und meinem Drang zum Kontrollverlust basierend auf einer simplen Panikattacke vorzubeugen, untersuchte ich die Rasierklinge ebenfalls und konnte dort lediglich Reste der zähen Flüssigkeit feststellen.

Diese war komplett geronnen und unglaublich ausgehärtet, fast wie eine Art Ton, der zu lange der Luft ausgesetzt worden war und dem dadurch die komplette Luftfeuchtigkeit entzogen worden war.

Ich kratzte einige Partikel ab, um diese am nächsten Morgen am Arbeitsplatz unter dem Mikroskop detaillierter zu untersuchen.

Als MTA Angestellter in einem staatlichen Labor hatte ich zumindest idealere Voraussetzungen, um der Substanz mehr Geheimnisse zu entlocken, als der Normalbürger.

Plötzlich verspürte ich einen Juckreiz hinter dem Ohr und als ich mich kratzte, bildete ich mir ein, das Teerkörnchen, wie ich es gedanklich tituliert hatte, wäre nicht mehr am ursprünglichen Platz.

Und prompt, als ich mich erneut zum Spiegel drehte, konnte ich tatsächlich die Bewegung mit dem bloßen Auge wahrnehmen und fast schon verfolgen, während mir gerade noch klar wurde, dass ich im Begriff war das Bewusstsein zu verlieren.

Als ich gegen 1.15 Uhr auf dem Fließen Boden im Bad erwachte, lag ich einer Lache geronnenem Teer und ich hatte wahrlich Mühe, aus der festen Masse aufzustehen, um mich zumindest notdürftig sauber zu machen.

Ich vermutete, mit dem Kopf gegen das Waschbecken gekippt zu sein, da mein linkes Auge ziemlich verkrustet war und auch die Menge an sichtbarer Substanz auf eine stärker blutende Wunde schließen ließ.

Außerdem hatte ich einen massiven Brummschädel, was meine Vermutung dementsprechend untermauerte.

Wo genau war nicht mehr feststellbar, ich konnte trotz intensiver Suche am Kopf nirgendwo etwas feststellen außer einer weiteren kleinen Beule unter der Haut.

Ich setzte mich beim Erfühlen bewusst auf den Wannenrand um einer weiteren Ohnmacht vorzubeugen.

Dieses Exemplar war nun leider kein Teerkörnchen mehr, sondern ein ausgewachsenes Korn, etwa in der Größe einer kleinen Erdnuss, es saß allerdings fest unter der Haut und war nicht zu bewegen, was mich irgendwie bedingt beruhigen konnte.

Ich mag dort einige Zeit, verunsichert, verängstigt und verwirrt gesessen haben und in diesem Zeitraum war nichts weiter geschehen, so dass ich beschloss, grob sauber zu machen und mit entsprechender medizinischer Unterstützung erst einmal Zwangsruhe zu finden.

 

Ich hatte die schwarzen Krusten notdürftig entsorgt und kaum lustlos durchgewischt, da merkte ich unmittelbar die Wirkung der Quetiapin Tablette, die ich 10min vorher eingenommen hatte.

Um sicher zu gehen, wirklich eine paar Stunden Ruhe zu finden, hatte ich die Tatsache in Kauf genommen, max. 5 Stunden später, Dank der Nachwirkungen des Präparates, den restlichen Tag als halb sediert zu verbringen.

Also ergab ich mich des „Seroquels“ und schlief schlagartig, fast noch auf der Bettkante sitzend in einen traumlosen Intensivschlaf, in der Hoffnung, die Erlebnisse in Kürze als eine lapidare Bewusstseinsstörung, entsprechend meines psychologischen Krankheitsbildes, ad acta legen zu können.

Der Wecker, der pünktlich um 7.00 Uhr, in einer außerordentlichen Brutalität, den neuen Tag ins Leben rief, fiel beim Versuch Ihn zu ergreifen direkt unter das Bett, was mich dazu zwang, direkt aufzustehen.

Während ich nach dem Wecker tastend, auf allen vieren unter das Bett sah, konnte ich von dort durch die Schlafzimmertür direkt ins Bad sehen und bildete mir, zumindest auf die Entfernung gesehen ein, dort keinerlei Spuren des nächtlichen Vorfalls wahrnehmen zu können.

Denn Wecker greifend stand ich voller Elan auf und begab mich ins Bad, um dort nachzusehen und  mir selbst die Wahrnehmungsabsolution zu erteilen.

Die in mir aufkeimende Hoffnung wurde bestätigt, als ich dort keinerlei Rückstände der schwarzen Substanz, die ich vor einigen Stunden, wohl im Traum, recht nachlässig und unmotiviert aufzuwischen versucht hatte, wiederfinden konnte.

Ich fühlte, wie sich der Druck auf Brust und Kopf schlagartig löste und selbst die sedierende Wirkung meiner „Gute Nacht Medizin“ kaum mehr Macht über mich ausüben konnte.

Plötzlich fielen mir die beiden Wunden-Überbleibsel meines nächtlichen Ausfluges ein und ich versuchte zaghaft und voller Furcht die entsprechenden Stellen abzutasten.

Was ich fand war ein wundervolles Nichts… es gab keine Anzeichen dafür, dass die bildhaften Erlebnisse auch nur im Entferntesten einen realen Bezug aufweisen konnten, ich war nun restlos beruhigt und voller Energie und Tatendrang.

Ich wusch mich und zog mich an und beim Blick in den Spiegel hatte ich seit langem einmal wieder das Gefühl, so etwas wie tiefe Zufriedenheit auszustrahlen.

 

Ich wollte mir noch einen flotten Instantkaffee zubereiten, als ich in der Küche meinen Putzeimer stehen sah.

Schlagartig spürte ich eine eisige Kälte in meinen Eingeweiden.

Ihn Ihm hoffte ich, keinesfalls, dass vor einigen Stunden nicht weggeschüttete Schmutzwasser wiederzufinden.

In Zeitlupe an den Eimer herantretend, erblickte ich das Glas, indem ich gestern die Reste der Substanz, die ich von der Rasierklinge abgekratzt hatte, deponiert hatte.

Es stand noch genau da wo ich es hingestellt hatte, aber es war leer.

Von dieser Entdeckung irritiert stolperte ich über den Eimer und was sich dann meinen Augen offenbarte, entbehrte jeder Beschreibungsmöglichkeit !

Im Eimer befand sich getrockneter Teer, alle Flüssigkeit war verdunstet oder aufgesogen worden.

Das Material hatte sich zu einer Form manifestiert, wie eine Art Tonplastik… die Form entsprach in etwa einem unfertigen Schlüssel.

Die Erkenntnis, mich hier nun doch in der Realität zu befinden traf mich wie ein Schlag ins Gesicht, alle Hoffnung und Zuversicht war schlagartig gewichen.

Dieses erschlagende und zutiefst beunruhigende Gefühl wurde noch verstärkt, als ich mich erschöpft auf den Küchenstuhl fallen ließ, um zu versuchen meine Gedanken irgendwie zu sortieren.

Ich legte den Kopf in den Nacken und starrte an die Decke, als ich einen stechenden Schmerz im Nacken spürte und beim Griff nach hinten erfühlte ich eine Verhärtung unter der Haut direkt auf der Wirbelsäule im Halswirbelbereich unterhalb des Atlas.

Als mir bewusst wurde, dass die Größe dessen, was ich gerade ertastete, in etwa der Addition der beiden Wunden-Verhärtungen entsprach, wäre ich fast vom Stuhl gekippt.

 

Die beiden Teile hatten sich in der Nacht offensichtlich in meinem Körper auf den Weg gemacht, um  sich dort zu finden.

Mir wurde schlagartig schlecht und ich konnte gerade noch die Toilette erreichen, um mich dort unmittelbar zu übergeben.

Da ich seit gestern Morgen praktisch nichts mehr zu mir genommen hatte, konnte ich mich außer einiger Flüssigkeit nichts entledigen, als mich ein letzter Würgereiz überkam und erneut schwarze Substanz zutage förderte.

Halb ohnmächtig beobachtete ich, wie dieser Teil direkt zum Leben erwachte, um sich über den Toilettenrand fließend, direkt in Richtung Küche zu bewegen.

Völlig entkräftet schleppte ich mich durch meine kleine 1 ½ Zimmer Wohnung zurück in die Küche und konnte gerade noch erkennen, wie sich der kleine schwarze Klum

Dort angekommen, halb besinnungslos aus nackter Angst und körperlicher wie geistiger Erschöpfung, nahm ich wahr, wie sich die Teile der Substanz augenblicklich zusammenfügten und zu Ihrer finalen Form verhärteten.

Nun war das Gebilde in allen detaillierten Einzelheiten als feingeformter Schlüssel erkennbar und ich konnte mir keinerlei Reim darauf machen, welche Bedeutung oder Versinnbildlichung sich dahinter verbergen mochte.

Ich beschloss, einige Partikel davon abzukratzen und mich im Labor meiner Recherche der Materialbeschaffenheit zu widmen, da ich ohnehin schon spät dran war und nach all den verstörenden Erlebnissen keinerlei Lust hatte, Zeit in Überstunden zu investieren.

Außerdem konnte ich wenigsten so tun als wäre ich Herr der Lage, indem ich mit blankem Aktionismus versuchte meinen immensen Gedanken Druck etwas zu entlasten.

Also nahm ich eine winzige Probe, mehr war ohnehin nicht möglich, da das Material eine schier unnatürliche Festigkeit angenommen hatte.

 

Letztendlich waren es lediglich ein paar winzige Späne, Metall ähnlicher Konsistenz, die ich 40 min später im Büro, unter dem Elektronen – Mikroskop, betrachten konnte.

Als ich die Späne aus dem Labordöschen, in welches ich die Proben zu Hause gegeben hatte, um einer Verunreinigung vorzubeugen, auf den Objektträger rieseln ließ und direkt unter dem Objektiv platzierte konnte ich zunächst nichts Außergewöhnliches feststellen.

Das Material hatte in etwas die Struktur von komprimierter Kohle.

Ich vergrößerte weiter und zuckte schlagartig zurück, um mich sofort zu versichern, ob das was ich meinte beobachtet zu haben tatsächlich der Realität entspräche, zumal meine Tabletten Dosis vom frühen Morgen noch lange nicht zur Gänze im Körper abgebaut war.

Ich konzentrierte mich und stellte eine weitere Vergrößerungsstufe ein und sah ganz deutlich, dass sich das gerade noch verfestigte Material zusehends verflüssigte.

Die winzigen Tröpfchen der zähfließenden Masse flossen zu einander um dort eine neue Form anzunehmen.

Als dieser subtil anmutende Prozess, der mich nach den Erlebnissen der letzten Stunden allerdings nicht mehr aus der Bahn werfen konnte, abgeschlossen war, wich ich erneut kurz vom Labortisch zurück, um meine Augen zu entspannen und um sicher zu gehen, richtig feststellen zu können, was sich da gebildet hatte.

Ganz ohne Zweifel, lag dort auf dem Objektträger nun eine Miniaturisierte Zahl.

Es handelte sich um die Zahl 2.

 

Ich stand nun etwas verwirrt vor dem Tisch und konnte mir keinen Reim darauf machen, was das nun zu bedeuten haben könnte.

Nachdem ich mir aus dem Automaten vor dem Labor einen Kaffee gegönnt hatte, um die erstarrten Gehirnwindungen wieder zum Laufen zu bringen, fing ich aufs grade Wohl an, im Internet zu recherchieren.

Zu meiner großen Überraschung sollte ich nicht lange suchen müßen um auf erste, wenn auch nur bedingt auflösende, eher verwirrende Details zu stoßen.

Während ich das Erlesene zu sortieren und zu verarbeiten versuchte, lief hinter meinem Arbeitsplatz der neue Kollege vorbei, der seit Wochen versuchte, mit mir ins Gespräch zu kommen und den ich ehrlicherweise immer wieder ignorierte, weil ich bisher einfach nicht in der Stimmung war, mich mit Ihm auseinander zu setzen, obwohl mir meine Menschenkenntnis zu erkennen gab, dass der Austausch mit Ihm eine echte Bereicherung werden könnte.

Wie auch immer, heute war definitiv nicht der richtige Tag, um mich mit Ihm anzufreunden und ich nahm seine Worte, die er mir in den Rücken artikulierte, zuerst nur unterbewusst wahr.

Als er schon einige Minuten an mir vorbei gegangen war, fanden die Details seiner Worte final den Eingang in meine Umgebungswahrnehmung.

Ich meinte mich erinnern zu können, dass er „schönes Tattoo, etwas unkonventionell, aber gut gestochen“, im Vorbeihuschen erwähnt hatte.

Da ich keinerlei Tattoos an mir habe, obwohl ich schon einige Male darüber nachgedacht hatte, sich mir aber nie das finale Motiv ergeben hatte, dachte ich zuerst er hatte einen Scherz gemacht, was mir dann allerdings sehr abwegig vorkam.

Also beschloss ich, das recherchierte auszudrucken und erst einmal in Erfahrung zu bringen, was seine Aussage wohl zu bedeuten haben könnte.

 

Den Ausdruck am Labortisch zurücklassend ging ich auf die Toilette und betrachtete mich an allen sichtbaren Stellen, also Hände, hochgekrempelte Arme sowie Kopf und Gesicht.

Ich konnte trotz heftigster Verrenkungen nichts erkennen, was in irgendeiner Art und Weise seine Aussage hätte nachvollziehbar erscheinen lassen.

Bis ich mit der Kamera meines Handys am Hinterkopf, exakt an der Stelle, an der sich meine gefundenen Wunden-Überbleibsel verfestigt hatten, eine Form erkennen konnte.

Ich schoss ein Foto und als ich das Bild betrachte, spürte ich erneut die Gefahr, den Kampf gegen mein bisschen Mageninhalt zu verlieren.

Es sah tatsächlich wie eine Art Tattoo aus… oder eine Art Branding… beunruhigend empfand ich die Form…. man konnte, ganz deutlich, die Konturen eines Schlüssellochs erkennen.

Nachdem ich diesen Fund fürs Erste verkraftet hatte, widmete ich mich meinem Ausdruck.

Hier hatte ich herausgefunden, dass 2 in der Zahlenmystik für das Gegensätzliche steht, also hell und dunkel, gut und böse, begrenzt unbegrenzt, einzeln und viele, Mann und Frau…etc.

Die Flut der Ereignisse, die Menge an Informationen und die Tatsache mich aktuell in einem scheinbar selbstgestrickten Alptraum zu befinden, ließ mich erst einmal auf dem Laborstuhl verharren und die Zeit verging mit schwirrenden, wahnwitzigen und völlig haltlosen Mutmaßungen und Interpretationen, letztendlich endend in einer komplett lähmenden Ohnmacht.

 

Ich sprach kurz mit meinem Vorgesetzten und ließ mich, nachdem dieser von meinem Anblick einigermaßen schockiert war, bereitwillig nach Hause schicken, wo ich mich erst einmal völlig erschöpft aufs Bett fallen ließ und in einen nahezu komatösen Schlafzustand verfiel.

Mein traumloser Schlaf brachte keinerlei Erholung weshalb ich, als ich wiedererwachte, beschloss, erst einmal ein heißes Bad zu nehmen, um Geist und Körper, im Rahmen der reduzierten Möglichkeiten wiederzubeleben.

Ich stellte die Temperatur der Dusche auf größtmöglich ertragbare Hitze und genoss die wärmende Umarmung des Wassers und den nebligen Dampf, der Geist und Körper in eine angenehme dämpfende, beruhigende Wahrnehmung hüllte.

Nach dem Hals Mal tastend, erkannte ich, dass sich zumindest nichts weiter verändert hatte und die Form nach wie vor, selbst ertastend, ganz klar als Schlüsselloch zu definieren war.

Sicherlich hatte ich nach dieser Entdeckung im Büro direkt den Zusammenhang zwischen dem Mal und dem verfestigten Teer in Schlüsselform gesucht.

Das hier ein Zusammenhang bestand war selbst mir als realistisch denkendem Menschen, der keinerlei Hang zur Mystik besaß, sofort klar und ich wollte nach dem Duschen im Web weitere Recherchen anstellen um Klarheit zu bekommen.

Als ich aus der Dusche stieg und mich erste einmal grob abtrocknete, stand ich halb tropfend und leicht schwindelig, die Dusche war zwar sehr belebend und betäubend zugleich, aber wohl doch zu intensiv, vor dem Spiegel und musste mich mit der linken Hand am Waschbecken abstützen.

Mit der rechten Hand wischte ich eine Sichtfläche in den Wasserdampf.

Es kam ein rotgesichtiger Mann Anfang 50 zum Vorschein, dessen Augen tief in den Höhlen standen.

Hallo, unbekanntes Wesen dachte ich noch und sah noch einmal genauer in den Spiegel als ich beobachtete, dass genau in der Mitte der verschmierten Fläche noch einige Tropfen hartnäckig meiner Hand Wiederstand geleistet hatten.

 

Exakter begutachtet, konnte ich selbst ohne Brille und im Dampf des kleinen Badezimmerns, so etwas wie ein geometrisches Zeichen erkennen.

Ich wischte noch einmal mit dem Handtuch darüber, die Form blieb aber erhalten und als ich wenigen Minuten später mit der Brille in das bereits einigermaßen gelüftete Bad zurückkehrte war der Spiegel bereits komplett abgetrocknet bis auf die Wasserrückstände in der Mitte des Spiegels.

Zum 2ten Mal am heutigen Tage starrte ich verdutzt auf die Zahl 2, die mir wie ein Mahnmal aus der Mitte des Spiegels entgegenstrahlte.

Als ich näher an den Spiegel herantrat schien sich dieser förmlich zu verflüssigen und die wabernde Masse bildete sich zu einer Art Gesicht.

Geschockt wich ich zurück, um wenige Sekunden später mein tieferes, früheres Ich als silbrig, glasig, teiltransparent glänzendes 3D Gebilde zu erkennen, dass mir jetzt, nicht diabolisch grinsend, sondern  getrieben und Angst erfüllt, nur 2 Halbsätze ins Gesicht spuckte, um sich direkt und unmittelbar in der ursprünglichen unscheinbaren, glatten Form des Spiegels zu verfestigen…

Zuvor hatte ich allerdings das Gefühl, im Spiegel hinter Ihm, etwas wahrgenommen zu haben, zudem er sich panisch umzudrehen schien.

Seine Worte lauteten:
“uns bleibt nicht mehr viel Zeit…nur Eines beibt!“

„Nur eines bleibt“, immer wieder die Zahl 2, ein verfestigter, fast diamantharter Schlüssel in einem Eimer im Bad und ein Wundmal ähnliches Gebilde im Nacken, in Form eines Schlüssellochs, was sollte als nächstes passieren ?

Das angsterfüllte Gesicht meines Ichs im Spiegel und das offensichtlich, extrem beunruhigende Etwas hinter Ihm, verbunden mit all den fragmentierten Details und Informationen zwangen mich nun aus der Schockstarre heraus, endlich zu handeln, beziehungsweise die Fakten soweit zusammen zu tragen und zu versuchen eine Entscheidung zu treffen, was nun getan werden könnte.

 

Ich rief mir die Erlebnisse des gestrigen Abends ins Gedächtnis zurück und versuchte zu rekapitulieren, wie es dazu gekommen war und was genau sich zugetragen hatte, um in der mir gegebenen und im Beruf oft hilfreichen analytischen Vorgehensweise, irgendwie meinen geistigen Halt wieder zu erlangen !

Wie jeden Abend hatte ich nach dem Abendessen, wie immer extrem spät, weil ich meist selten vor 21.30 Uhr aus dem Labor komme, es besteht als Alleinstehender, sich unterdurchschnittlich darstellender Mann, auch keine wirkliche Veranlassung früher nach Hause zu kommen, meine reguläre Tabletten Dosis zu mir genommen und aufgrund des sehr herausfordernden Arbeitstages, zwei überdurchschnittlich eingeschenkte Gläser schweren Rotweins verkostet.

Das war allerdings nicht ungewöhnlich und auch generell nicht besorgniserregend.

Ich trank nicht regelmäßig und auch nicht mehr als vielleicht 1 Flasche Rotwein, eher weniger, pro Woche und ließ regelmäßig meine Blutwerte, betreffend der Leber, kontrollieren.

Nach Rücksprache mit meiner Psychologin war dies auch nicht bedenklich, wenn es eben kein Dauerzustand werden würde.

Um mich selbst und vor allen Dingen, das aufkeimende schlechte Gewissen zu beruhigen, lief ich in die Küche und holte mir die Packungsbeilage des Präparates hervor um mich zu vergewissern und konnte nichts gegenteiliges erlesen.

Ich falte die Packungsbeilage feinsäuberlich zusammen und als ich diese wieder in die Packung stecken wollte, stutze ich abrupt.

 

Es war Donnerstag Nachmittag und ich hatte heute noch keine Tablette genommen, die entsprechende Tablette für Donnerstag fehlte allerdings.

Offensichtlich hatte ich gestern versehentlich 2 Tabletten genommen, was aber laut Ärztin bei dieser leichten Dosis von Reboxetin eher munter machend wirken sollte.

Und die ½ Quetiapin hatte ich erst nach dem schauderhaften Erlebnis in mir eingenommen.

Ich legte die Schachtel wieder in meine Medikamenten Schublade und mein Blick fiel auf die Verpackung der Musaril.

Verdammt, diese Mischung war ganz offensichtlich die Basis meines extremen Abdriftens in mich selbst.

Ich hatte gestern noch im Labor, nur Dank einer Musaril weiterarbeiten können, weil mich anderenfalls die Muskelverspannungen im Hals, die aufgrund der dauernden verkrümmten Haltung am Mikroskop, jeden Tag intensiver wurden, vor Schmerzen lahmgelegt hätten.

Jetzt wurde mir zumindest klar, wie ich überhaupt dahin gekommen war, wo dieser Alptraum begonnen hatte.

Die verschiedenen Wirkstoffe hatten mich offensichtlich in einen Zustand der Grenzwahrnehmung versetzt.

 

Nachdem ich mir nun einige Dinge, komplett fern meines mir angeborenen Realismus, in einer Art Skript zusammengedacht hatte, fasste ich einen riskanten Entschluss, basierend auf der verzweifelten Hoffnung doch noch mein altes Leben, das vor nicht einmal 24h so plötzlich geendet hatte, wieder zurück zu erlangen.

akt war, ich musste zurückreisen, zurück in mich, um mit meinem alten Ich zusammen die Schattenseele zurück zu drängen, die im Begriff war die Lichtseele zu kompensieren.

Gemeinsam müßten wir die Balance von Gut und Böse, hell und dunkel wiederherstellen, um die Seelenhälften in Einklang zu bringen.

Die Hinweise betreffend der Ziffer 2 waren ein Teil des Puzzles, wie ich vermutete.

Sprich es müssten beide Teile in gleichem Masse bestehen bleiben, weil nur das eine mit dem anderen zusammen existieren kann, sollte das eine das andere auflösen käme es in irgendeiner Art und Weise zu einem ungewollten Ungleichgewicht, dessen Ausmaße ich mir nicht vorstellen wollte, zumal derzeit das Böse die Überhand zu gewinnen schien.

Der Zugang musste mit Schlüssel und Schlüsselloch zu öffnen sein und beim Gedanken, ein Schlüssel, der sich aus einer teerflüssigen Substanz, die aus mir herausgeflossen war, würde mir im Nacken in meinem Gewebe stecken, blieb mir nur, mit aller Kraft gegen die heraufsteigende Panik anzukämpfen.

 

Ich nahm also den Schlüssel, setzte mich auf das Sofa und versuchte Ihn irgendwie bündig an das Schlüsselloch heranzuführen, so dass die Kontur mit der Stirnseite des Schlüssels übereinstimmte.

Offensichtlich erwartete ich irgendeine Reaktion des Mals mit dem Schlüssel oder umgekehrt, in der Art, dass beides sich verband und mich wieder zurück in meine tieferen Schichten führte.

Zu meiner Verwunderung geschah nichts dergleichen, auch nicht als ich den Druck erhöhte und ich sich das kalte Schlüsselmaterial sukzessive am Nacken erwärmte.

Sogar als mich der, selbst herbeigeführte, Druckschmerz fast ohnmächtig werden ließ und ich bereits bemerkte, wie sich ein kleines Blutrinnsal am Nacken, den Weg über meinen Rücken bahnte, konnte ich keine Bewusstseinsveränderung wahrnehmen.

Wie konnte sich meine doch so offenbare Vermutung als so falsch herausstellen, das Schlüsselloch musste doch unweigerlich den Zugang zu meinem Geist symbolisieren.

Und während ich mich und meine Schlussfolgerungen selbst in Frage stellte wurde mit klar, welcher Gedankenfehler mir unterlaufen war.

Ich ging also zurück in die Küche und traf wie in Trance einer Erleuchtung die unausweichlichen Vorbereitungen.

Wahrnehmen konnte ich, dass ich aus dem Schrank ein Glas entnahm, es mit Leitungswasser füllte,

2 plus 1 Tablette vor mir auf dem Wohnzimmertisch legte, den Schlüssel in der Hemdtasche deponierte um dann noch einmal tief ein und ausatmend, die Substanzen in einem beherzten Zug in mich ergießen ließ.

 

Als ich in mir wieder zu mir kam, erkannte ich sofort, dass alles viel dunkler und bedrohlicher zu sein schien als bei meinem letzten, vermeintlich freiwilligeren, Besuch.

Es hing eine Art flüssiger Nebel in der Luft, durchsetzt von Aschepartikeln, die sich mit miteinander verbindend in einer Art Tinten Regen auf mich ergossen.

Außerdem roch es massiv nach verbranntem Fleisch, in etwas wie Steaks, die auf dem Grill vergessen worden waren.

Die Umgebung machte es extrem schwer, Luft zu holen, da man das Gefühl hatte als atme man unter Wasser, zusätzlich war die Sicht extrem reduziert, eine unwirkliche furchteinflößende Szenerie.

Dieses beklemmende Gefühl verstärkte sich jeden weiteren Schritt, den ich den bekannten Pfaden folgte, bis ich plötzlich von Weitem das Tor erkennen konnte, dass ich bei meiner Flucht gestern in Panik zugeschlagen hatte.

Es sah aus, als würde es weiß glühen, es ging von Ihm eine Art heißes, gleißendes Licht aus, das allerdings nur in die Richtung weiter in mich strahlte und die Umgebung der Seite von der ich mich näherte kaum erhellen konnte.

Als ich direkt davorstand, konnte ich wahrnehmen, dass von der anderen Seite irgendeine Substanz, die eine ledrige Optik darstellte, verbrannt auf den Gitterstäben schmorte.

Dies sollte wohl die Ursache für den Geruch und die Asche Partikel sein.

Große Flächen dieses Materials lagen jenseits des Gitters und dampften und stanken vor sich hin.

 

Ich trat näher an das Gitter und bemerkte, dass das weiße Licht direkt aus den Torstäben drang und beim Nähertreten zu flackern begann.

In einigem Abstand konnte ich dann plötzlich den Schatten meines Ichs erkennen, ringend, kämpfend und an manchen Teilen seiner Gestalt hell brennend.

Er befand sich offensichtlich im Endkampf mit der Schattenseele und benötigte ganz offensichtlich meine Unterstützung.

Er sah kurz flehend zu mir, um sich dann umgehend wieder dem brutalen Gemenge zuzuwenden.

Ohne nachzudenken, wie ich überhaupt helfen konnte und ob wir je eine Chance hätten diesen Kampf gemeinsam zu überstehen, griff ich automatisch in die Brusttasche und nahm den Schlüssel, um diesen unmittelbar in das Schloss des Gittertors zu stecken.

Während das Licht der Stäbe fast gänzlich erlosch, spürte ich wie die Reste der Helligkeit durch meine Finger direkt in meinen Körper zu fließen schienen um dort restlos zu erlöschen.

Eine wohlige Wärme ergriff mich und ich fasste Mut für das, was vor mir stand.

Diese aufkeimende Energie verflüchtigte sich allerdings schneller als Sie gekommen war, während sich das Tor mit einem durch Mark und Bein erschütternden Quietschen öffnete, es hörte sich tatsächlich an, wie eine Art Todesschrei.

Mit gefror fast das Blut in den Adern, doch ich musste meinem Ich zu Hilfe eilen, um den Sieg des Bösen Einhalt zu gebieten.

Als die Tür sich zunehmend öffnete wurde es auf der anderen Seite zunehmend ruhiger und der Kampf schein schlagartig an Heftigkeit zu verlieren, wenn nicht sogar komplett abzuebben.

Zwar erleichtert aber irritiert konnte ich wahrnehmen, wie Es sich auf mich zubewegte und als mein Ich dann unmittelbar vor mir stand, mit all den dampfenden Wunden und Hautfetzen an allen möglichen Bereichen seiner Gestalt glaubte ich zu erkennen, wie sich die Wunden nun plötzlich schlossen, die Verbrennungen heilten und sich ein wahrlich bösartiges, diabolisches, selbstverliebtes Grinsen auf seiner zur Fratze verkrampftem Gesicht ausbreitete.

 

Er stank fürchterlich und aus seinen Wunden ergoss sich solange Teer, bis sie sich alle komplett geschlossen hatten.

Als er mich leicht wie eine Feder in die Höhe hob, konnte ich in seinen Augen die Genugtuung ob meiner Verwunderung und Verstörtheit erkennen und konnte seinen Drang, sich mir zu offenbaren förmlich fühlen.

Was ich erfuhr war, dass kurz nach meinem gestrigen Besuch die Seelenschlacht unmittelbar verloren gegangen war und die Lichtseele mit Ihren Resten lediglich das Tor bewachen konnte, um die Schattenseele davor zu hindern aus mir, als seinem Gefäß, zu entfliehen.

Alles was anschließend geschehen war, hatte nur den einen Sinn, mich hierher zurückzubringen und Ihn als mein neues zukünftiges Ich am Tor vorbei zu lassen, um Ihm den Weg in das Leben der Menschen zu ermöglichen.

Mich, als den Rest des Guten Teiles, an und in mir, hatte die Lichtseele gewähren lassen und so konnte fataler Weise das Tor geöffnet werden.

Der Kampf, der sich zugetragen hatte war letztendlich sein vergeblicher Ausbruchsversuch, nachdem er mit der Schattenseele als dessen neues Medium einen Dämonenpakt eingegangen war.

Nachdem er mich desinteressiert fallen ließ, hob er im Gehen, als eine Art letzten Gruß die Hand und machte sich auf den Weg aus mir.

Während er süffisant das Tor vorsichtig anlehnte, in aller Ruhe bar- und teerfüßig seine Flucht beendete und mich wohlwissend völlig entkräftet und bar jeglicher Macht mich Ihm entgegen zu stellen, vollends handlungsunfähig in mir zurückließ, spürte ich, wie das in mich geflossene weiße Licht, zaghaft aber stetig zu neuem Leben erwachte …!

tbc…?

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