„Skorbut 2056“ Dystopische Kurzgeschichte copyright MV2021

Als sie nacheinander erwachten und zu sich kamen, war es für alle außerordentlich schwer sich zu orientieren. Wie aus einem langen, durchaus erholsamen Schlaf erwacht, wusste niemand wo sie sich befanden, geschweige denn wie sie hierhergekommen waren.
Einzige Orientierungshilfe war die kleine orangefarbene Leuchte, die sich ziemlich in der Raummitte, an der Decke, monoton drehte und den Raum in ein neblig schummriges Licht tauchte. Die Luft war angenehm frisch und roch eher als würde man sich im Freien befinden, als in einem Raum mit unzähligen anderen Menschen, unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher ethnischer Herkunft.

Als die ersten Erwachten begannen, sich in der jeweiligen Landessprache auszutauschen, schwoll das leise Flüstern doch recht schnell zu einem wahren Orkan unterschiedlicher Artikulationen an.
Nachdem sich recht schnell Angehörige in unmittelbarer Nähe gefunden hatten, wollte man mit Dritten in gemeinsamer Diskussion Licht ins Dunkel dieser subtilen Angelegenheit bringen. So versuchte man sich entweder unmittelbar mit Händen und Füßen zu verständigen oder rief in die Runde, um herauszufinden, wer die Sprache des jeweils anderen sprach.
Am Ende hatten sich die entsprechenden Gruppen gefunden und man versuchte in Erfahrung zu bringen, in welcher Situation man sich befand und vor allen Dingen, wieviel Zeit vergangen war ab dem Zeitpunkt der letzten Erinnerung.

Einige der Diskutierenden hinterfragten außerdem etwaige Gemeinsamkeiten der Anwesenden.
Man erreichte dann doch recht schnell Erkenntnis, dass alle Beteiligten einige Parallelen hatten.
Sie hatten allesamt einen plötzlichen Blackout erlebt und waren alle Teilnehmer an der Vitaminpräparat Aktion gewesen, die weltweit seit einigen Monaten mit immensen finanziellen Mittel und entsprechender Marketingunterstützung massiv forciert worden war.

Man hatte bereits vor einiger Zeit, aufgrund der industriellen Nahrungsherstellung, unglaubliche Vitaminmängel in der Weltbevölkerung festgestellt und es waren laut Medienberichten bereits mehrere Millionen Menschen an den Folgen verstorben oder hatten immense, irreparable Schäden davongetragen. So hatte man ein hochkonzentriertes Vitaminpräpart hergestellt, das bereits Säuglingen verabreicht werden konnte und das entsprechend der jeweiligen Konstitution des Pateinten, ohne jede Nebenwirkung eingenommen werden konnte.
Dieses Präparat sollte dem sogenannten „Skorbut 2056“ die Grundlage entziehen und die Mängel der Weltnahrung entsprechend ausgleichen.

Das jeweils erste Viertel der Bevölkerung eines jeden Kontinents und eines jeden Landes war bereits versorgt worden, die anderen warteten noch auf die entsprechende Versorgung. Man achtete hier sehr genau, dass kein prozentuales Ungleichgewicht bei der Vergabe entstand.
Außerdem hatte man innerhalb der einzelnen Familien Wert darauf gelegt, dass entweder alle in der Familien versorgt worden waren oder möglichst alle Mitglieder einer Familie zum späteren Zeitpunkt das Präparat erhielten. Dies bezog sich grundsätzlich auf Familien eines Haushaltes.

Der logistische Aufwand dahinter war historisch nicht vergleichbar und in den letzten Tagen war dieser noch einmal drastisch erhöht worden. Man hatte das Gefühl es gäbe weitere Hintergründe dieser Aktion und es hielten sich diesbezüglich die mystischsten Gerüchte. Unterstützt wurden diese im Zusammenhang riesiger Lagerhallen, die bereits in den letzten Jahren auf allen Kontinenten, in den abgelegensten Bereichen der jeweiligen Regionen entstanden waren. Man hatte hier wohl bereits lange vor dem Auftreten der „Vitaminkrankheit“ versucht, Nahrung unter speziellen Bedingungen herzustellen, um diesem nun aktuellen Problem vorzubeugen. Allerdings hatte man sich immer wieder erzählt, dass dort Unmengen von Stahl und Elektrolieferungen eingingen, was im Zusammenhang mit der Nahrungserzeugung für den Laien keinen Sinn zu ergeben schien. All diese nicht belegbaren Ereignisse wurden nun in einen chaotischen Zusammenhang gebracht und es kursierten wahrlich hanebüchene Vorahnungen und Mutmaßungen.

Diese Gerüchte wurden nun, im Angesicht der subtilen und verängstigenden Situation der akteullen Lage, in der sich die Aufgewachten und Aufwachenden befanden, selbstverständlich genährt und entsprechend hitzig diskutiert. Der Hintergrund, dass, bis auf ganz wenige Ausnahmen, die jeweils kleinsten Einheiten einer jeden Familie sich in der gleichen Situation wieder gefunden hatten, war ein immenser Halt in dieser Ausnahmesituation. Nachdem einige Zeit vergangen war und mittlerweile alle im Raum selbst erwacht oder geweckt worden waren, erklang eine Art Warnton und alle Diskutierenden verstummten schlagartig.

In der Mitte des Raums erwachte ein fast raumhohes Hologramm zum Leben und man konnte eine im schwarzen Kostüm gekleidete Frau Ende Dreißig wahrnehmen. Ihre asiatischen Züge waren deutlich zu erkennen und nahezu jeder in der riesigen Halle durfte sie schon einmal in den Medien gesehen haben. Sie war die Vorstandsvorsitzende des Konzerns, der sich aus den wichtigsten Vertretern aus Wirtschaft und Politik zusammengeschlossen hatte, als die ersten Anzeichen von „Skorbut 2056“ öffentlich kommuniziert wurden.

Die „Earth & Health Corporation“ setzte sich maßgeblich aus Vertretern der USA, China Russland und Europa zusammen. Sie war die Vorsitzende und unter anderem die Tochter eines der 10 reichsten Chinesen und somit Erbin eines riesigen Nahrungsmittelkonzerns.
Als sie zu sprechen begann und Ihre Worte auf separaten Bildschirmen in alle wichtigsten Landessprachen der Welt übersetzt wurden, herrschte gebanntes Schweigen.

Sie teilte ohne Umschweife mit, dass sie sich alle in einem Raumgleiter befanden, der die Erde vor einigen Tagen verlassen hatte. Alle Anwesenden waren vor ca. 10 Tagen in eine Art Sedierung versetzt worden. Diese konnte durch einen elektrischen Impuls, per Radiowellen, über einen Chip in ihren Körpern, ausgelöst werden. Die Chips waren ihnen allen durch die vermeintlichen Vitamingaben verabreicht worden.
Die Tabletten waren lediglich Placebos, die nur den Zweck hatten, den Chip zu positionieren.

Hintergrund dieser unglaublich aufwendigen Entwicklung und Planung war die Tatsache, dass seit mehreren Jahren detailierte Kenntnisse über einen möglichen Meteoriteinschlag verheerenden Ausmaßes vorlagen. Dieser Riesenmeteorit sollte aufgrund seiner Größe, seiner Geschwindigkeit und des geraden Aufschlagwinkels die Sprengkraft mehrerer hundert Hiroshima Bomben besitzen und würde die Erde unmittelbar vernichten können. So hatte man bereits vor einigen Jahren begonnen, auf allen Kontinenten separat, in den abgelegensten Gegenden der Regionen, die Transportraumschiffe und Raumgleiter zu bauen.

Man hatte Unmengen Zeit und Geld investieren müssen, um den Chip entsprechend klein und funktionsfähig herstellen zu können. Der logistische Aufwand und die mediale Unterstützung bzw. Ablenkung von diesem Mammutprojekt hatten weitere Abermilliarden verschlungen.
Doch man wusste ohnehin nicht, was man in Zukunft mit Geld noch anfangen sollte.
Gegen Ende des Projektes ging schlichtweg die Zeit aus, da man sich verrechnet hatte betreffend der Geschwindigkeit des Meteoriten. Deshalb kam es mehr oder weniger zur Viertelung der Bevölkerung.
An dieser Stelle waren der Milliardärstochter unmittelbar die Auswirkungen der emotionalen Belastungen der letzten Jahre anzusehen. Denn Fakt war es leider außerdem, das es noch keine direkt umsetzbaren Alternativen zu Besiedlungen gab. Zumindest jetzt noch nicht.
Man hatte Ideen und Möglichkeiten auf einem bis dato unbekannten Planeten am äußersten Rande unseres Sonnensystem geprüft, aber das Risiko war derzeit noch sehr schwer klakulierbar. Es waren allerdings bereits Unmengen Material und Personal dorthin geschickt worden.Die Grundlagen dort waren der Erde nicht gänzlich unähnlich aber in Summe doch sehr unwirtlich betreffend menschenähnlicher Lebensform und Gestaltung. So hatte man dort zuerst einmal ein Ressourcen Lager von Saatgut, Proteinquellen sowie Energiegewinnungsmaterial eingerichtet. Am Ende hatte man versucht alles dort zwischenzulagern, was man noch in Sicherheit bringen konnte. Die Möglichkeiten waren in Abklärung und man sah der Zukunft der Überlebenden verhalten positiv entgegen.

Im ersten Schritt ging es jetzt aber erst einmal ums nackte überleben, indem man die Erde verlassen hatte. In der Runde der Zuihörer war verständlicherweise extreme Unruhe und Resignation wahrzunehmen und es wurde wild durcheinander diskutiert, als der Frachtgleiter plötzlich extrem zu vibrieren begann. Die Flotte, bestehend aus unzählbar vielen Archen, war in die kosmischen Verwirbelungen des Meteoriten geraten.
Einige ungezählte Minuten später hörte man ein unsagbar dumpfes, berstendes Geräusch.
Die Vorstandsvorsitzende befahl die Großluke zu öffnen. Man hatte sich für die Direktkonfrontation mit den Tatsachen entschieden um sicher zu stellen, dass alle den Ernst der Lage verstanden.
Als sich die Panorama Luken öffneten, wurde alles von glutrotem Licht eingenommen, bevor überhaupt irgendwelche Details erkennbar wurden.
Als das Fenster den vollen Blick freigab, hielten sich die meisten automatisch die Hände vor die Augen und der Schock des Szenarios löste unterschiedlichste Reaktionen aus.

Einige Menschen brachen zusammen, andere weinten oder schrieen frei heraus. Die Meisten aber standen nur mit offenem Mund und ungläubigen Mienen da und beobachteten, wie sich die Erde in einem glühenden Trümerfeld unbegrenzten Ausmaßes in seine Bestandteile auflöste. Der Mond war beim Aufschlag der Druckwelle geradezu pulverisiert worden und die Macht der Energie hatte zumindest die Gewissheit erwachsen lassen, dass die Zurückgebliebenen unmittelbar und ohne leiden zu müssen ausgelöscht worden waren.

So lagen sich nun die Überlebenden in den Armen, gedachten der Zurückgeblieben und sahen voller Angst in eine Zukunft, von der niemand wusste, ob sie überhaupt eine war…

16 Comments „Skorbut 2056“ Dystopische Kurzgeschichte copyright MV2021

  1. Sanni 1. August 2021 at 17:55

    😱 Mein Gott Matthias, was für eine Vision!!!
    Ich liebe deine Geschichten, die mich, so detailreich beschrieben, direkt ins Geschehen eintauchen lassen.
    Ich kann nur hoffen, dass deine Vision nie wahr wird…und sollten irgendwann Vitaminpreparate massiv beworben werden, halte ich Abstand. Dann verglühe ich lieber im großen Feuerball 💥

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    1. Matthias Vago 1. August 2021 at 18:11

      Und ich bin dabei… beim Verglühen 👍👌😇😄😘 freut mich so sehr, dass Dir die Geschichte … kann man zusagen sagen 😁🙏🏼🤗❣️

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      1. Sanni 1. August 2021 at 18:43

        … „zusagen“ ist viel zu untertrieben. Deine Geschichte finde ich phänomenal!!! 👍👍👍😄
        Mich beruhigt auch, dass wir gemeinsam verglühen würden 😅

        Reply
        1. Matthias Vago 1. August 2021 at 19:39

          Und zwar enthusiastisch 🤗🙏🏼🥰

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  2. Elisabeth FUCHS 1. August 2021 at 18:29

    Aktueller denn je Matthias, es wurden gerade Vitaminpräparate vom Handel zurückgerufen, da sie angeblich schädliche Substanzen enthalten….Es lebe die Pharmazie!!! SiFi mit hohem Realitätspotential…..😱😱😱😱

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    1. Matthias Vago 1. August 2021 at 18:30

      Ups das ist allerdings reiner Zufall… !
      Heftig 😱

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      1. Pauly 2. August 2021 at 20:38

        Wow. Deine Geschichte ist so dicht und hat mich gleich in seinen Bann gezogen. Sie ist so erschreckend aktuell, was die Beklemmung eventuell noch greifbarer gemacht hat. Du hast sehr bildhaft geschrieben, die Stimmung so nah transportiert. Es war als wäre ich mitten unter diesen Menschen. Und am Ende konnte ich dieses Gefühl der Ohnmacht und der Bodenlosigkeit so intensiv spüren, dieses stehen vor dem Nichts, die Enge der Ungewissheit.

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        1. Matthias Vago 2. August 2021 at 20:52

          Wiiiiiieeeeee schön dass Du da bist liebe Pauly …. Freue mich unglaublich 🥰🙏🏼🤗 und selbstverständlich auch unheimlich übet diesen super starken Kommentar …
          Danke Dir vielmals und genieße Deinen Abend 🙏🏼🤗✨

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          1. Pauly 2. August 2021 at 22:29

            Ich danke dir für deine lieben Worte. Ich bin viel zu selten hier, da war deine Kurzgeschichte ein wunderbarer Anlass, hier vorbeizuschauen. Ich wünsche dir auch einen schönen Abend 😘

          2. Matthias Vago 3. August 2021 at 0:54

            🙏🏼🤗🙏🏼

  3. M 1. August 2021 at 19:40

    Vision impossible …. hoffentlich 🙏🏼

    Reply
    1. Matthias Vago 1. August 2021 at 19:55

      Hope so !!!!!!!!

      Reply
  4. Speiser Carmen 1. August 2021 at 20:38

    Filmreif….🖤👏🏻👏🏻… Auch hier zeigt sich wieder deine phantastische bildhafte Erzählweise bis ins kleinste Detail… Ganz ganz klasse!!!😊

    Reply
    1. Matthias Vago 1. August 2021 at 22:25

      Ganz ganz lieben Dank liebe Carmen… in der Hoffnung, dass es nie geschehen wird 🙏🏼🤗✨

      Reply
  5. Maria 3. August 2021 at 8:00

    Ich habe mich sooo sehr gefreut 😀, dass Du wieder eine Geschichte geschrieben hast 🤩 und kann mich nur all den anderen Kommentaren hier anschließen. Das ist wieder eine Mega krasse und extrem spannend geschriebene Geschichte von Dir 😱👍🖤! Du schaffst es es immer wieder mit Deiner Erzählweise und Deines immensens Schreibtalentes, dass ich komplett von dieser Geschichte eingenommen wurde und gebannt Zeile für Zeile las. Wollen wir hoffen, dass dieses Szenario nur Deiner Fantasie entsprungen bleibt 🙏🏻.

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    1. Matthias Vago 3. August 2021 at 14:43

      Danke Dir von Herzen für dieses Feedback !
      Ganz lieb von Dir und es freut mich sehr, dass Dir die Geschichte gefällt…
      Ja da bin ich bei Dir… möge es nur eine fixe Idee sein😇🥺😱

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